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Antibiotika-Apokalypse? Wie Viren neue Therapien möglich machen

Es scheint einen Weg zu geben, dem Superbazillus Herr zu werden, jener – gegen alle Antibiotika resistenten Bakterie – und zwar mit einem zugegebenermaßen unerwarteten Mittel: dem Virus.

New York Times Kolumnist Carl Zimmer stellt mit seinem neuesten Artikel eine gewagte Theorie auf: Wir befinden uns am Rande eines apokalyptischen Szenarios. Schuld sei die sogenannte Superbakterie, wegen der alltägliche, eigentlich heilbare Krankheiten wie Erkältungen oder die Grippe bald nicht mehr mit unseren herkömmlichen Medikamenten behandelt werden könnten.

Die Superbakterie oder der Superbazillus, von dem Zimmer spricht, ist ein multiresistenter Erreger, der eine ernstzunehmende Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellen könnte.

Die falsche und schrankenlose Verwendung von herkömmlichen Antibiotika hat zu einer Resistenz vieler Bakterien gegen das medizinische Schutzschild „Antibiotikum“ geführt, die unser Gesundheitssystem auf den Kopf stellen könnte.

Allerdings, so Zimmer, bleibt uns ein Licht am Ende des Tunnels: Es scheint einen Weg zu geben, dem Superbazillus Herr zu werden, und zwar mit einem zugegebenermaßen unerwarteten Mittel: dem Virus.

Den Feind mit dem Feind bekämpfen: Viren vs. Bakterien

Den oftmals aggressiven Bakterien ist jedoch nicht mit einem beliebigen Virus beizukommen: Viren, die Bakterien abtöten, nennt man Bakteriophagen, oder kurz Phagen. Sie wurden bereits im frühen 20. Jahrhundert entdeckt und erforscht, um bakterielle Infektionen zu behandeln. Weil sie darauf programmiert sind, Bakterien zu bekämpfen, stellen sie grundsätzlich keine größere Gefahr für die menschliche Gesundheit dar, und könnten gegen bakterielle Infektionen eingesetzt werden.

Das ist zum jetzigen Zeitpunkt aber Zukunftsmusik: Wenn auch, so der Wissenschaftsjournalist Zimmer, eine Phagen-Therapie noch in weiter Ferne liegt, so könnten die Viren aber schon jetzt eine Lösung für das Problem der Antibiotika-Resistenz bereithalten.

Großes Potenzial, aber keine Anerkennung

„Sie besitzen ein großes Potenzial, das herkömmliche Antibiotika nicht haben“, sagt Zimmer. Woran die Forschung arbeiten muss, ist die Anerkennung von medizinischen Therapien, die mit Viren Bakterien abtöten.

Genau hier liegt nämlich das Problem: Solange vorhandene Antibiotika noch eine wirkungsvolle Option für die meisten Infektionen darstellen, gefällt der US-Regierung die Idee, einen Feind mit einem anderen Feind zu bekämpfen, gar nicht, schreibt Zimmer in seinem Buch „A Planet of Viruses“.

Dass Phagen im Gegensatz zu den Allroundern, den Antibiotika, nur jeweils eine einzige Bakterienart bekämpfen können, ist eines der Hauptargumente der Exekutive gegen neue Therapien. Um dieses auszuhebeln, müsste die Forschung z.B. mehrere Phagen zu einer einzigen Therapie zusammenfügen, die ähnlich wie ein Antibiotikum mehrere Infektionen behandeln kann.

Erste Ansätze zur Viren-Therapie in Europa

Versuche zur Therapie mit Phagen gab es in Europa bereits in der Vergangenheit. Dazu zählen Patienten mit E. coli, einem aggressiven Bakterium, das bei Lebensmittelvergiftungen auftreten kann, und Pseudomonas aeruginosa, das Entzündungen und Blutvergiftung hervorruft, sowie Vögel mit Campylobacteriosis, einer Infektion, die durch Lebensmittel (Geflügel) auf den Menschen übertragen werden kann.

In „A Planet of Viruses“ beschreibt Zimmer außerdem historische Versuche, die Phagen-Therapie medizinisch nutzbar zu machen. So wurde z.B. 1963 in Georgia von Virologen der Ansatz verfolgt, dass Kinder, die mit Phagen behandelt wurden, mit einer 4-fach geringeren Wahrscheinlichkeit die Ruhr bekamen als solche, die Placebos einnahmen.

Wie funktioniert das Prinzip der Phagen-Therapie?

Phagen infizieren Bakterien, indem sie sich an deren Oberfläche andocken und töten diese ab oder verändern ihre Struktur. Innerhalb der Medizin hält sich jedoch die Besorgnis, ob nicht Bakterien, die einmal mit Phagen behandelt wurden, ebenfalls eine Resistenz gegen die Therapie ausbilden.

Resistente Bakterien verändern ihre Oberfläche so, dass die Phagen nicht mehr andocken können. Dadurch verbleiben die ungenutzten Viren im menschlichen Körper, wo sie eine zwar geringe, aber nicht von der Hand zu weisende Gefahr für die Gesundheit darstellen können. Studien belegen jedoch, dass es wesentlich längere Zeit dauert, bis Bakterien gegen eine spezielle Art von Phagen resistent werden als gegen ein Antibiotikum.

Schwächen der Phagen-Therapie

Dennoch sind Phagen, wenn man den aktuellen Forschungen glaubt, nicht das Allheilmittel. Sie haben Schwächen. Einerseits können sie (bisher) nur zur Bekämpfung von bestimmten Bakterien hergestellt werden. Die Phagen-Therapie kann somit erst mal nur zur Behandlung weniger und ausgewählter Infektionen eingesetzt werden.

Und auch wenn man es uns glauben machen will: Nicht alle Phagen sind gut für den menschlichen Körper, denn sie tragen Giftstoffe in sich, die eher schlecht als gut für unser Immunsystem sein können. Darüber hinaus gibt es bislang noch keine Langzeitstudien, die den Langzeiteffekt der Phagen-Therapie belegen.

Obwohl vielversprechend, ist die Phagen-Therapie noch einige Jahre entfernt. In der Zwischenzeit, so Zimmer, sei der beste Weg, die Antibiotika-Resistenz aufzuhalten, nur dann Antibiotika einzunehmen, wenn es wirklich notwendig ist. Schließlich muss eine einfache Grippe oder Erkältung nicht per Antibiotikum behandelt werden.

Leider wird dies in einigen landwirtschaftlichen Betrieben oder bei einer ungenauen Diagnose des Arztes nicht beachtet. Deshalb ist es wichtig, kritisch zu hinterfragen, ob Sie das Antibiotikum bei einer Erkältung oder Grippe wirklich benötigen und wie viel Antibiotikum sie über ihre Ernährung zu sich nehmen

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