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Bakterien: Die Zukunft der Kosmetik?

Verhelfen uns Kleinstlebewesen in Schönheitscremes zu mehr Gesundheit und besserer Haut? Die Beweislage ist dünn, doch die Hersteller drängen bereits in den Kosmetik-Markt. Mit Erfolg.

Wer schön sein will, muss leiden. Diese alte Weisheit kommt vielleicht so manchem in den Sinn, wenn die Sprache auf bakterienhaltige Kosmetikprodukte kommt. In einer Welt, die großen Wert darauf legt, steril und bakterienfrei zu sein, gleicht es einer Überwindung, seine Haut freiwillig mit Bakterien in Berührung zu bringen. Doch jüngere Erkenntnisse zeigen, dass sich ein Umdenken lohnen kann.

Die Mikroorganismen der Haut – so einzigartig wie wir

Das Haut-Mikrobiom, also die Gemeinschaft von Mikroorganismen, die den menschlichen Körper bedeckt, ist nach wie vor recht unerforscht. Seine Zusammensetzung ist für jeden Menschen einzigartig – einer der Gründe, warum die Forschung hier noch in den Kinderschuhen steckt. Mit der übermäßigen Hygiene der Neuzeit schwächen wir die Mikroorganismen, die uns, auch wenn das manch einer ungern hört, vor Umwelteinflüssen und Krankheiten schützen. Um das Haut-Mikrobiom zu stärken, können wir es mit Probiotika („guten“ lebenden Bakterien) oder Präbiotika (Nahrung für Bakterien) regelrecht „füttern“.

Kosmetik-Unternehmen zeigen schon seit einiger Zeit Interesse an probiotischen Prozessen, doch sehen sie sich vielen Hindernissen gegenüber: Mit dem Wording des Marketings steht und fällt der Erfolg des jeweiligen Produkts. Die Hersteller müssen sich folgende Fragen stellen: In welcher Form lassen sich Kleinstlebewesen in Schönheitscremes verwenden, um eine angemessene Nutzung der Verbraucher zu gewährleisten? Und wie lassen sich Bakterien in die Vermarktung integrieren, wenn sie doch zu unserer Vorstellung von Hygiene so gar nicht passen wollen?

Neue Hersteller wollen mit probiotischer Kosmetik den Markt aufmischen

Das Unternehmen AObiome hat ein Produkt mit lebenden Bakterien entwickelt, dessen Bestandteile natürlicherweise in unserem Mikrobiom enthalten sind, aber aufgrund einer „überentwickelten“ Hygiene nahezu völlig aus dem menschlichen Körper verschwunden sind. Das Mittel kann für vier Wochen bei Raumtemperatur gelagert werden (im Kühlschrank hält es einen zusätzlichen Monat lang). Es wird als letzte Schicht nach dem Auftragen der täglichen Schönheitspflege auf die Haut gesprüht. Shampoo, Duschgel und Gesichtsreiniger der Marke enthalten dagegen keine lebenden Bakterien, verzichten aber auf Konservierungsstoffe, die das natürliche Haut-Mikrobiom angreifen. Der Gründer der Marke, Chemiker David Whitlock, erregte die Aufmerksamkeit der Medien mit seiner Aussage, dass er schon seit 12 Jahren nicht mehr duschen würde. Mit dem richtigen Bakterienmix auf der Haut sei das auch gar nicht nötig.

Hier ist der Link zu den
Mother Dirt Produkten von AObiome.

 

Die Probiotische Hautpflege von Aurelia soll helfen, Entzündungen der Haut zu verringern und damit die natürliche Hautalterung zu verlangsamen. Als Probiotikum verwendet die Marke Glykoproteine des Bifidobakteriums: Sie helfen bei der Zellreparatur, dem Zellschutz sowie bei deren Überwachung und unterstützen die Hautzellen, indem sie auf der Ebene der Zytokine aktive Aufgaben übernehmen (Zytokine sind übrigens für die Versorgung von entzündlichen Hautreaktionen verantwortlich). Alle anderen Bestandteile der Hautpflege der Marke sind natürlich und nachhaltig, und zum Teil auch organischen Ursprungs.

Mit wissenschaftlichem Ansatz zum neuen Liebling der Beauty-Szene

Die Aurelia Hautpflege verfolgt in der Kommunikation einen wissenschaftlichen Ansatz. Claire Vero, die Gründerin des Unternehmens, sagt: „Wir haben versucht, die Welt der Schönheit nach und nach zu erziehen – angefangen haben wir mit Journalisten, Bloggern und den Verbrauchern. Probiotika bilden in der Kosmetik einen neuen Ansatz und wir wollen eine klare und didaktische Herangehensweise.“

Und der Plan scheint aufzugehen: Aurelia wird regelmäßig in Zeitschriften wie Elle, Vogue oder Glamour zitiert und hat seit der Einführung des Produkts 35 Auszeichnungen der Beauty-Branche erhalten. Claire Vero: „Unsere Marke wird nicht nur durch die Medien immer bekannter, sondern auch durch die Empfehlung unserer Kunden. Unsere Kunden sind sehr loyal. Sie haben ihren inneren Schalter zu unserem natürlichen und doch wissenschaftlichen Ansatz umgelegt und sehen die Ergebnisse direkt auf ihrer Haut.“.

Wer Interesse hat, kann sich hier
die bestellbaren Aurelia Produkte ansehen.

Der Haut mit ihrem ur-eigenen Stoff Gutes tun

Anfang März 2016 kommt eine weitere Marke, Gallinée, auf den Markt. Sie wurde von Marie Drago ins Leben gerufen, einer Apothekerin, die ihre Doktorarbeit über den Einsatz von Probiotika in der Kosmetik schrieb. Gallinée zielt darauf ab, dem Mikrobiom mit einem probiotischen Komplex aus den 3 Bestandteilen Präbiotikum, Probiotikum und Milchsäure auf die Sprünge zu helfen. Diese Pflege will eine gesunde Haut durch die Stimulation ihrer Grundfunktionen erreichen: Durch die Reaktivierung des Säureschutzmantels der Haut sollen Irritationen zurückgehen und die Mikroorganismen angeregt werden. Die Pflegeserie „La Culture“ besteht aus fünf Produkten: Gesichtscreme, Reinigungsschaum, Maske & Peeling, Bodylotion und Handcreme.

Auf lange Sicht will sich Gallinée mit einer vollständigen Produktpalette einschließlich probiotischer Haarpflegeprodukte der Pflege des gesamten Haut-Mikrobioms annehmen. „Der pH-Wert der Haut liegt bei durchschnittlich 5,5. Mit unserer komplexen Prä-Probiotika und Milchsäure möchten wir dieses Gleichgewicht wiederfinden. Die Kopfhaut z.B. soll einen sauren Wert haben, und hat ihn nicht mehr“, sagt Marie Drago. Das Marketing-Ton der Marke ist wissenschaftlich fundiert und doch natürlich, und konzentriert sich auf das Wohlbefinden der Verbraucher.

Galinee hat einen eigenen Shop,
den Sie hier erreichen.

Probiotische Kosmetik und das Dilemma der Werbung

Probiotika sind vor allem in der Werbung immer noch ein heikles Thema. Sowohl Marken als auch Einzelhändler agieren sehr vorsichtig: Nachdem man jahrelang Bakterien als das große Übel angegriffen hat, ist es nicht leicht, „pro“ Bakterien zu argumentieren. Zur Zeit kristallisieren sich zwei Hauptrichtungen des probiotischen Hautpflege-Marketings heraus: Einige Unternehmen ziehen ihre Kampagnen wissenschaftlich auf, andere setzen auf die Natürlichkeit ihres Produkts. Die Verbraucher aber wollen vor allem Ergebnisse sehen: Auf der Website von Aurelia Skincare werden die Kundenrezensionen häufiger angeklickt als die wissenschaftlichen Unterseiten.

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