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Darm Wars – Krieg der Bakterien

Im Darmtrakt herrscht Krieg. Ein Krieg, der quasi im Minutentakt Millionen Opfer fordert. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Bakterien zu den Guten gehören, oder sich zur ‚dunklen Seite der Macht‘ hingezogen fühlen. Forscher haben sie jetzt dabei beobachten können, und einige Überraschungen erlebt.

Bis zu 25% unseres Stuhlgangs besteht aus toten Bakterien. Vermutlich rund 9 Billionen Bakterien (bei insgesamt 39 Billionen Darmbewohnern), die wir pro Toilettengang über die Spülung entsorgen.

Doch nie habe ich mir konkrete Gedanken darüber gemacht, wie genau diese Bakterien zu Tode kommen.

In meiner naiven Vorstellung sah es so aus, dass die Bakterien nach einigen Tagen, Wochen oder gar Monaten gemütlichen Darmlebens und hingebungsvoller Verdauungsarbeit irgendwann beschließen, dass es Zeit ist loszulassen und sich ins Darm-Endtrakt-Nirvana fallen zu lassen, wo sie Licht am Ende des Tunnels erblicken und dann mit freudiger Zuversicht auf ein Leben nach dem Tod dahinscheiden.

Doch weit gefehlt. Denn im Darmtrakt herrscht Krieg. Ein Krieg, der quasi im Minutentakt Millionen Opfer fordert. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Bakterien zu den Guten gehören, oder sich zur ‚dunklen Seite der Macht‘ hingezogen fühlen. Einer der zwei wichtigsten Stämme im Darm (die überwiegend harmlosen Bacteroidetes) wurde jetzt von Forschern dabei beobachtet, mit welchen Strategien und welchen Waffen sie ihren Lebensraum verteidigen und ausbauen.

Eine Milliarde ‚Kampfhandlungen‘ pro Minute (und Gramm)

Die Forscher fanden ein Arsenal an antibakteriell wirkenden Botenstoffen, die von den Bakterien fast nach Belieben kombiniert und an benachbarte Organismen abgefeuert werden. Diese wiederum wehren sich mittels einer aus Proteinen konstruierten Immunabwehr, die nicht nur das ‚Friendly Fire‘ der gleichartigen Bakterien abweisen kann, sondern auch Angriffe von anderen Stämmen. Allerdings verfügen nicht alle Arten über eine Abwehr (Vermutlich auch ein Grund für die vielen Todesopfer in meiner Kloschüssel).

Müssen wir unser Bild von Bakterien grundlegend verändern? Vorschlag für eine Klassifizierung. Quelle: Reddit / ze-skywalker

Es findet gewissermaßen ein Rüstungswettlauf statt, bei dem antibakterielle Waffen wie auch Schutzschilde evolutionär wie auch durch Mutationen (‚geniale Einfälle‘ könnte man sagen, aber ich unterstelle den Bakterien mal, dass ihnen ‚Einfälle‘ fremd sind) weiterentwickelt werden. So hat eine ‚Splittergruppe‘ der Bacteroidetes – die Bacteroides Fragilis – ein ganz neues Waffenarsenal entwickelt das ihnen hilft, eine eigene Nische im Darm zu besetzen und gegen den Andrang der übrigen Bakterien zu verteidigen. Selbst wenn es die lieben Verwandten sind.

Die konstante Entwicklung hat auch dazu geführt, dass selbst bei ein und der gleichen Spezies von Bakterien verschiedene Spezialisierungen zu erkennen sind, ähnlich wie bei einem Bienenstock, wo auch nicht jedes Mitglied die gleichen Fähigkeiten und Funktionen hat.

Ja und was hat das jetzt mit uns zu tun?

Das Programmieren von Bakterien im Kampf gegen Krebs, Diabetes, Fettleibigkeit u.m. steckt zwar noch in den Anfängen, doch ein besseres Verständnis der Angriffs- und Verteidigungsstrategien der Bakterien kann dabei helfen, therapeutisch eingesetzte Bakterien wehrhafter zu machen, und dadurch den Therapieerfolg zu fördern. Oder direkt Bakterien zu züchten, die etwa auf Krebszellen abgerichtet sind, deren Verteidigung sie aber mit Hilfe einer Neuentwicklung durchbrechen können.

Das schaffen die Bakterien teilweise sogar selbst, man denke nur an die oben genannte Fragilis Gruppe. Die haben nämlich das bei den Bacteroides beliebte Waffensystem T6SS (Secretive System) so umgebaut, dass es die Abwehrschilde der eigenen Verbündeten durchdringen kann. Nicht nett, aber effektiv.

Nun blicke ich inzwischen mit anderen Augen auf das, was meinen Körper in Richtung Abflussrohr verlässt. Eine solch kriegerische Natur hätte ich bei den Bakterien nie erwartet. Auch überrascht mich, dass sie alles Fremde als Bedrohung einstufen und gar nicht zwischen gut und böse unterscheiden.

Wenn ich die Nachrichten schaue habe ich allerdings den Eindruck, dass auch in unserer Zeit zu viele Menschen damit ihre Schwierigkeiten haben. Ein Gehirn haben sie ja, im Unterschied zu den Darmbakterien.

Das kommt nur leider nicht immer zum Einsatz.

PS: Inzwischen weiß man aus Experimenten mit Mäusen, dass auch Angstzustände stark mit der Art der Bakterienbesiedelung im Darm zusammenhängen. Daher hege ich die Hoffnung, dass wir eines Tages auch eine bakterielle Therapie gegen Fremdenhass entwickeln können. Ihr seht, die Möglichkeiten sind fast schon grenzenlos.

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