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Die zwei Seiten des Heliobacter Pylori

Mit dem Magenkeim Heliobacter pylori assoziieren wir vor allem Negatives: Magenschmerzen, Magengeschwüre, ja sogar Magenkrebs. Eine neue Studie belegt eindrucksvoll, dass der H. pylori auch eine Kehrseite der Medaille hat – mit überaus positiven Eigenschaften.

Magenkeim mit unangenehmen Nebenwirkungen – so kennen wir Heliobacter Pylori seit Jahrtausenden

Gletschermumie „Ötzi“ (Rekonstruktion) – Quelle: Wikipedia

Forscher haben nach 25 Jahren Puzzlearbeit herausgefunden, dass offenbar sogar der Ötzi unter einer frühen, aggressiven Form des Magenkeims litt – weil seine Magenschleimhaut nicht mehr vorhanden war, brachte erst die detaillierte Analyse der Gesamt-DNA des Mageninhalts Licht ins Dunkel. Der Heliobacter-Stamm, den die Wissenschaftler extrahierten, ähnelt einer Variante des Keims, die heute in Mittel- und Südasien vorkommt, und sich damit gar nicht so sehr von der heutigen Zusammensetzung des Bakteriums unterscheidet.

Was verbirgt sich eigentlich hinter Heliobacter pylori?

Der Heliobacter pylori, ein Stäbchenbakterium, das in der Magenschleimhaut angesiedelt ist, verursacht eine der häufigsten chronischen bakteriellen Infektionen im Magen- und Darmtrakt. Weltweit liegt die Infektionsrate bei ca. 50%, wobei die Zahl der Erkrankungen in Entwicklungsländern wesentlich höher liegt als in den Industrienationen. In Deutschland vermutet man, dass ca. 33 Millionen Menschen den Keim in sich tragen – häufig unbemerkt, da nur 10-20% der Infektionen wirklich zu einem Magengeschwür führen.

Das Stäbchenbakterium Heliobacter Pylori kann sich selbst fortbewegen. Besonders wohl fühlt es sich in der Magenschleimhaut.

Übrigens wurde der Keim Heliobacter pylori erst 1983 entdeckt – in den meisten Fällen ist er gutartig, jedoch kann er in seinen aggressiven Varianten Magengeschwüre und sogar Magenkrebs verursachen. Der Fund im Magen der mehr als 5.000 Jahre alten Gletschermumie bewies, dass der Keim kein Neuzeitphänomen ist: Er begleitet den Menschen schon seit Urzeiten, möglicherweise schon seit 100.000 Jahren.

H. Pylori als Krankheitsauslöser – das sind die Risiken

Ist der Keim nicht in seiner gutartigen Variante im Körper vorhanden, kann er eine Reihe von Krankheiten ausbilden. Die Magenerkrankungen gehen in der Regel mit einer verstärkten Sekretion von Magensäure einher – das bedeutet, dass mehr Magensäure als üblich ausgeschieden wird. U.a. gehört daher auch Sodbrennen zu den Symptomen der Infektion, und sollte bei langfristigen Beschwerden auf H. pylori untersucht werden. Zu den Krankheiten, die der Keim verursachen kann, zählen:

  • 75% aller Magengeschwüre (gut- oder bösartig)
  • sämtliche Zwölffingerdarmgeschwüre
  • Gastritis (Typ B): häufig chronische Form des Magengeschwürs, das u.a. für die Entstehung von Magenkrebs verantwortlich gemacht wird

Gefährlich werden Magengeschwüre dann, wenn sie chronische Formen annehmen, denn dann ist das Risiko hoch, dass sich Krebszellen bilden. In den westlichen Ländern ist Magenkrebs jedoch eine der wenigen Formen des Krebs, die in den vergangenen Jahren rückläufig waren.

Wie wird H. pylori übertragen?

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, an H. pylori oder einer durch den Keim hervorgerufenen Krankheiten zu erkranken? Woran erkennen Sie, ob Sie Risikopatient sind?

Da der genaue Übertragungsweg von Heliobacter pylori nach wie vor ungeklärt ist, lässt sich auf derartige Fragen keine zufriedenstellende Antwort geben. Die Wissenschaft geht davon aus, dass das Bakterium auf fäkal-oralem Weg in den menschlichen Organismus gelangt. Einfach erklärt, bedeutet das, dass der Keim mit dem Stuhl ausgeschieden und später mit Nahrung oder Wasser wieder aufgenommen wird. In hygienisch weniger gut ausgebauten Ländern wie etwa Schwellen- und Entwicklungsländern ist daher das Risiko, sich den Keim einzufangen, wesentlich größer als in Mitteleuropa.

Alternative Übertragungswege werden in der Forschung ebenfalls diskutiert. So könnte auch eine oral-orale Übertragung möglich sein (etwa durch den Kontakt mit der von H. pylori infizierten Magenschleimhaut bei Erbrechen), oder eine Übertragung auf Wasser und Nahrungsmittel durch Schmeißfliegen.

In den Magen gelangt das Bakterium durch die Speiseröhre – eine Geißel am Ende des Zellkörpers ermöglicht dem Keim ein eigenständiges Fortbewegen innerhalb der Organe. Damit der säureempfindliche Keim nicht direkt von der Magensäure zerstört wird, nistet sich der H. pylori in der Magenschleimhaut ein und schafft sich ein pH-neutrales Umgebungsmilieu, indem es Harnstoff in Ammoniak und Kohlendioxid aufspaltet.

Heliobacter Pylori beseitigen, um das Krebsrisiko zu senken

Chronische Magenbeschwerden sind für die Schulmedizin nur schwer in den Griff zu bekommen, denn die verlängerte Einnahme von Säureregulatoren und anderen Medikamenten birgt wiederum ein Risiko für Gewebeschwund oder eine Veränderung der Magenschleimhaut. Und diese erhöhen ihrerseits das Krebsrisiko. Ein Teufelskreis, wenn nicht auf nachhaltige Weise eingegriffen wird.

Aus diesem Grund gilt als Hauptziel bei der Behandlung von H. pylori die vollständige Beseitigung des Keims. Weil die sogenannte Eradikationstherapie nicht nur die akuten Beschwerden wie Magenschmerzen und Verdauungsprobleme verbessert, sondern langfristig das Entstehen und Wiederauftreten von Geschwüren oder eines Magenkarzinoms (Magenkrebs) verhindern kann, setzt die Schulmedizin daher auf eine Behandlung auch bei Patienten, die keine akuten Beschwerden haben, aber ein erhöhtes Krebsrisiko tragen, so Prof. Dr. med. Peter Malfertheiner, Direktor der Universitätsklinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie in Magdeburg.

Die andere Seite der Medaille:
Positive Effekte des Magenkeims H. pylori

Neue Studienergebnisse der Karl-Franzens-Universität Graz, der Medizinischen Universität Graz und der New York University School of Medicine zeigen, dass der Magenkeim auch positive Effekte für den Körper bereithält. Ein überraschendes Ergebnis, das die Forscher kürzlich im Fachjournal Cell Reports veröffentlichten.

Wie so oft in der medizinischen Forschung testeten die österreichischen und amerikanischen Wissenschaftler ihre Vermutungen anhand von Mäusen. Über einen Zeitraum von sechs Monaten untersuchten sie eine künstlich herbeigeführte Infektion mit Heliobacter pylori in Magen, Darm und Lunge.

Das erstaunliche Ergebnis umfasst u.a. einen stärkenden Einfluss auf das Immunsystem sowie positive Veränderungen in Hormonhaushalt und Darmflora.

Also doch ein „gutes“ Bakterium?

Dass bei früheren wissenschaftlichen Forschungen durchaus auch positive Effekte des Magenkeims vermutet wurden, kam kaum in der breiten Öffentlichkeit an – zu übermächtig erschienen die Negativauswirkungen, die im schlimmsten Fall sogar zum Krebstod führen konnten. Weil aber die Unterscheidung, wann ein Bakterium „gut“ oder „böse“ ist, bisher nur wenig Anteil an der Forschung hatte, wagten die Wissenschaftler nun einen neuen Ansatz – und das Ergebnis bestätigt die sprichwörtliche Ausnahme von der Regel.

Bislang steht also nach wie vor eher die Entfernung des Heliobacter pylori auf dem Plan – in nicht allzu ferner Zukunft weiß die Medizin aber vielleicht mehr über dessen positive Effekte auf den Körper und wie diese angezapft werden können. Damit aus scheinbar harmlosen, aber anhaltenden Magenbeschwerden aber nicht doch noch Krebs entsteht, ist in jedem Fall der Besuch eines Facharztes zu empfehlen, um eine Untersuchung auf H. pylori durchführen zu lassen.

1 Kommentar

  1. fb769112@skynet.be'

    SEYFFERT Sabine

    1. Juli 2016 at 15:30

    Hochinteressant ! Vielen Dank für Ihre Beiträge !

Kommentar

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