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Schichtarbeit ist Gift für Reizdarm-Patienten

Gefährlicher Schichtdienst: Chronisch entzündliche Darmkrankheiten scheinen mit einer deutlichen Verschlechterung der Symptome auf wechselnde Tag-Nacht-Schichten zu reagieren. Für Reizdarm-Patienten ist die Empfehlung eindeutig.

Ein junger Polizist, Patient des Gastroenterologen und Internisten Dr. Ali Keshavarzian am Rush University Medical Center in Chicago, wechselte nach der Diagnose „Reizdarm“ in die Tagschicht und seine Entzündungssymptome gingen zurück – innerhalb von zwei Monaten, nachdem er die Nachtschicht wieder aufgenommen hatte, kehrten sie allerdings mit Verstärkung zurück.

Bei Reizdarm: Schlaf ist extrem wichtig

„Stress stört mich nicht – es sei denn er ist schlimm genug, um mich um den Schlaf zu bringen.“ Diese Aussage kennt auch Dr. Keshavarzian von seinen Patienten, die im Schichtdienst arbeiten.

Eine wachsende Zahl von Hinweisen aus der medizinischen Praxis, dass Darmerkrankungen in einem engen Zusammenhang mit dem Schichtdienst stehen, beginnt zu erklären, warum Schlaf so wichtig ist. Schlafstörungen und andere Faktoren – nicht zuletzt der unterbrochene Biorhythmus infolge einer Schichtdienst-Tätigkeit – die die körpereigene Uhr aus der Bahn werfen, führen zu Veränderungen in der Darmschleimhaut und beeinträchtigen den Stoffwechsel der Leber – chronisch entzündliche Darmkrankheiten, Lebererkrankungen und andere Darmerkrankungen müssen nicht, aber können die Folge sein.

Die innere Uhr hilft dem Körper dabei, physiologische Funktionen in einem 24-Stunden-Rhythmus zu synchronisieren. Wird dieser Rhythmus durch wechselnde Tag-Nacht-Schichten unterbrochen und durcheinandergebracht, kommt es sozusagen zu einem inneren Jetlag, der sich auch auf den Darm auswirkt.

Der Darm-Jetlag als Krankheitsursache

Eine bestimmte Region im Gehirn, der Nucleus Suprachiasmaticus, reguliert die Prozesse des Körpers minutengenau. Weil die innere Uhr u.a. auf Licht reagiert, orientieren sich Stoffwechsel- und andere physiologische Prozesse vor allem am Tagesrhythmus. Obwohl der logisch denkende Mensch schon ahnt, dass eine Störung in diesem Rhythmus nichts Gutes für den Körper bedeuten kann, beginnt die medizinische Forschung erst jetzt damit, den Schichtdienst und weitere Störfaktoren des Biorhythmus als nachweisbare Ursache für Krankheiten anzuerkennen.

„Obwohl fast jeder Prozess im Körper über den Biorhythmus gesteuert wird, hat sich die moderne Medizin noch kaum mit den Auswirkungen von Störungen im Tagesrhythmus auseinandergesetzt“, erklärt Dr. Faraz Bishehsari, ebenfalls gastroenterologischer Wissenschaftler am Rush University Medical Center.

Im Verlauf der letzten 20 Jahre sind entzündliche Darmerkrankungen nicht nur häufiger geworden, sie betreffen auch immer mehr junge Menschen. Welche Ursachen bei diesem Anstieg zusammenspielen, ist bislang unklar, jedoch deutet immer mehr darauf hin, dass Schlafentzug zumindest dazu beiträgt.

In einer Studie, die Dr. Keshavarzian und sein Forschungsteam 2016 auf der Digestive Diseases Week vorgestellt haben, zeigt sich, dass Patienten mit Reizdarm und ähnlichen entzündlichen Darmerkrankungen eine Tendenz zu Nachtaktivität haben – sie leiden unter einem Phänomen, das als Social Jetlag bezeichnet wird: Schichtarbeiter und andere Menschen, die (vor allem am Wochenende) ihren Zeitplan zugunsten von Freunden und sozialen Verpflichtungen verschieben. Das Essverhalten dieser Personen zeigt einen deutlichen Unterschied zwischen Wochentagen und dem Wochenende auf – „ich nenne es einen Darm-Jetlag“, sagt Keshavarzian.

Führt man die Daten der Studie zusammen, so deutet alles darauf hin, dass eine Störung der inneren Uhr und damit zusammenhängend des Biorhythmus zur Verschlechterung der Symptome von entzündlichen Darmkrankheiten beiträgt: Veränderungen in der Darmflora, Veränderungen in der Genexpression, eine erhöhte Durchlässigkeit des Darms und eine erhöhte Empfindlichkeit für Entzündungen können als Gründe für die hohen Zahlen von Neuerkrankungen und Rückfällen herangezogen werden.

„Weil die Schleimhaut-Barriere abgebaut wird und die Darmflora sich verändert, trägt der Schichtdienst zum Reizdarm bei“, erklärt Keshavarian, „eine eigentlich überschaubare Krankheit wird somit unüberschaubar.“

Das Problem ist die fehlende Synchronisation

Stimmt die Taktung der inneren Uhr im Gehirn nicht mehr mit der Uhr der inneren Organe wie beispielsweise der Leber überein, kann das schädliche Auswirkungen auf den Stoffwechsel haben, die wiederum Leberkrankheiten auslösen. So ist z.B. Gallenflüssigkeit ein Nebenprodukt des Cholesterinstoffwechsels in der Leber – und wird diese nicht mehr oder nur in unzureichender Menge produziert, bekommt ausgerechnet der Darm die Folgen zu spüren: Dieser braucht nämlich die Gallenflüssigkeit, um Nährstoffe zu absorbieren.

Um Darmkrankheiten und internistische Probleme wieder in den Griff zu bekommen, setzten Mediziner wie Dr. Keshavarzian und Bishehsari auf ein “gutes“ Schlafverhalten und einen gesunden Essrhythmus. Dazu zählen Mahlzeiten nach einem regelmäßigen Zeitplan, ein dunkles Schlafzimmer und die Vermeidung von Kaffee oder großen Mahlzeiten vor dem Schlafengehen. Das Ziel für Patienten mit Reizdarm besteht darin, einen regelmäßigen Schlafrhythmus aufzubauen: „Ein guter, an den Biorhythmus angepasster Lebensstil fördert die Gesundheit“, rät Dr. Bishehsari.

Zum Thema Schichtarbeit: Interview mit Prof. Zulley

Interview mit Dr. Peter Strauven, Allgemeinmediziner in Bonn und Schlafforscher Prof. Dr. Zulley über die Wirkung der Schichtarbeit auf den Schlaf und die Gesundheit:

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