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Pille mit Stuhl

Diese Medizin schmeckt gewiss nicht. Aber sie kann Wunder bewirken.

Das ist bei Clostridium difficile Infektionen des Darmes auch bitter nötig. Denn die Keime verursachen eine lebensbedrohliche Durchfallerkrankung. Sie vergiften den Körper, sie reißen Löcher in die Darmwand, und in 10% der Fälle endet die Erkrankung tödlich.

Ausgerechnet in Krankenhäusern verbreiten sich diese Keime hervorragend. Und ausgerechnet die dort verabreichten Antibiotika geben bei der Behandlung der Krankheit keine gute Figur ab.

In Europa sterben jährlich 27.000 Menschen an Clostridium difficile Infektionen des Darmes, in den USA sind es 15.000 Fälle. Ihre Bekämpfung wurde zur nationalen Priorität erhoben.

Inzwischen hat sich in einigen Studien gezeigt, dass sich 90% dieser Todesfälle verhindern ließen. Und damit ist nicht die Einführung utopischer Hygieneziele gemeint.

Es geht um die Einnahme von Kot gesunder Spender.

Die darin enthaltenen Darmbakterien helfen den vor der Stuhltransplantation von Darmbakterien gereinigten Darm (Lavage) wieder neu zu besiedeln.

Und die ganze Prozedur dauert in der Regel kaum mehr als 2 Tage. Das lässt erahnen, welches gewaltige Kosteneinsparpotenzial in solch einer Therapie steckt.

Der Stuhlspender wird zuvor medizinisch untersucht und Immunerkrankungen ausgeschlossen. Der Spenderstuhl wird vorher untersucht auf gefährliche Keime.

Es gibt verschiedene, allesamt nicht besonders appetitliche Formen, wie der Stuhlgang mit seiner Bakterienkolonie dahin kommt, wo sie ihre Wirkung entfalten soll:

Da wäre zum einen die Sonde, von oben über die Speiseröhre bis in den Dünndarm. Das klingt nicht nur furchtbar unangenehm. Patienten könnten sich dabei zudem übergeben, und Keime an Stellen geraten, wo sie gar nicht hingehören, u.U. sogar in die Lunge. Insgesamt nicht ganz ungefährlich.

Bleibt noch der Weg über eine rektal eingeführte Sonde oder einen Einlauf. Besser als von oben, aber immer noch recht unangenehm.

Vorhang auf für die Pille mit Stuhl

Da haben sich die Mediziner am Massachussets General Hospital unter der Leitung von Dr. Elisabeth Hohmann ein neues, deutlich besseres Verfahren einfallen lassen. Etwas, mit dem man die Therapie deutlich mehr Menschen zukommen lassen kann, denn der Aufwand einer Behandlung sinkt enorm.

Pillen mit gefrorenem Kot.

Pillen mit Stuhl (Bildquelle: Hohmann Labs)

Patienten nehmen zwei Tage lang 15 Stück am Tag ein, als würden sie eine Vitaminpille schlucken. Da sie gefroren sind, und zudem in Kapseln daher kommen, schmeckt man natürlich nichts. Aber eine Überwindung ist es trotzdem, denn magensaftresistente Kapseln sind durchsichtig. Man sieht also ziemlich genau, was man da zu sich nimmt.

Viel wichtiger ist aber, dass der Spender nicht mehr parat stehen muss, und dass man die Therapie zu Hause durchführen kann. Und was ist schon die Einnahme von 30 eklig aussehenden Kapseln gegen die Erleichterung nach der überstandenen Durchfallerkrankung. In der Studie am Massachussets Hospital waren spätestens nach 2 Durchläufen 20 von 21 Patienten von ihrer Infektion geheilt.

Gehört der Stuhltransplantation die Zukunft?

Eine Verbreitung des Verfahrens könnte einen großen Beitrag zur Eindämmung der Todesfälle durch Clostridium Difficile leisten, glaubt zum Beispiel Catherine Duff, die Gründerin der Fecal Transplant Foundation. Das setze allerdings drei Dinge voraus:

  • Verbesserungen in der Diagnostik, d.h. mehr Bewusstsein bei den Ärzten. Momentan geht man davon aus, dass ein Viertel aller C-Diff Infektionen nicht erkannt werden
  • Eine frühere Anwendung. Die Stuhltransplantation, ob nun als Pille oder Einlauf, sollte eine Art ‘erste Verteidigungslinie’ sein, und nicht erst nach mehrfach gescheiterten Antibiotika-Behandlungen.
  • Eine Ausweitung der Zentren, die Fäkalspenden analysieren und verarbeiten können. In USA gibt es bereits hunderte Kliniken, die entweder über die Fecal Transplant Foundation oder über Open Biome, die erste Stuhlspenderbank, angeschlossen sind. In Europa sind es momentan nur 2 Kliniken in England, eine in Finnland, und eine in Dänemark. Zur aktuellen Liste geht es hier.

Man sollte allerdings vorsichtig sein, wenn es um die Behandlung weniger kritischer Erkrankungen wir Reizdarm oder sogar Adipositas (Fettleibigkeit) geht. Zwar werden die Kotspender und Kotspende auf wichtige Infektionen wie HIV, Hepatitis u.a. überprüft.

Aber die Darmbakterien sind insgesamt noch viel zu wenig erforscht, so dass man nie weiß, welche neuen Probleme man sich mit einer Fäkalspende einfangen kann. Man kann zum heutigen Zeitpunkt eben nicht alles messen, nicht alles ausschließen.

Aber 27.000 Menschen in Europa hätten Anfang 2014 sicher ja gesagt zu dieser Therapie.

Wenn sie die Chance dazu gehabt hätten.

2 Comments

  1. tim.adams@web.de'

    Björn

    8. März 2016 at 8:11

    Kann man denn die Stuhltransplantation selbst durchführen? Oder ist das zu riskant? Habe gehört, dass das in usa schon viel gemacht wird.

    • semmel88@yahoo.com'

      monika

      14. September 2016 at 18:44

      Geh auf die Seite der Fecal transplant foundation facebook gruppe und thepowerofpoop.com webseite hat Anleitung fuer daheim.Spender muss aber getestet sein manchmal hilft es Spender zu finden der Blut spendet um die schwersten Krankheiten auzuschliessen und geld an Test zu sparen. Aber Stuhl sollte auch unterssucht werden fuer Parasisten und Bakterien ueberwuchs.

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